Beim Blauen Reiter im Blauen Land


Der „Fahrplan“ für diese Themen-Woche führte zum Ursprung des deutschen Expressionismus um die Künstlergruppe des Blauen Reiter.
Hier im bayrischen Voralpenland – dem „Blauen Land“ – entwickelten freigeistige Maler und Malerinnen im Zeitraum zwischen 1911 bis 1914 eine bahnbrechende Neuausrichtung der bildenden Kunst.
Unter den besonders inspirierenden Eindrücken der Landschaft, des Lichts und der lokalen Kultur malten sie Bilder und entwickelten Theorien, die bis heute die Kunst weltweit beeinflussen.
Ab sofort besteht die Kunst nichtmehr nur darin „gut handwerklich“ ein Motiv abzubilden. Statt dessen erschaffen Künstler und Künstlerinnen unter dem Eindruck dessen was sie sehen, hören und fühlen etwas Eigenständiges und Neues. Dabei sind Farben, Formen und Perspektiven nichtmehr an die Realität gebunden, sondern werden auf der Grundlage neu-entwickelter Farben- und Gestaltungstheorien eingesetzt.

Heinrich Campendonk (1913/14): Kuh in Landschaft / Landschaft mit Tieren


Am Sonntag, dem 19. April 2026 versammelten sich zu früher Stunde, ca. 7.00 Uhr, bei Regenwetter 20 Damen und Herren an der Haltestelle „Antoniuskolleg“. Gegen 7.10 Uhr tauchte ein großer, roter Bus auf, der die Gruppe samt zugehörigem Gepäck aufnahm und in Richtung Much davon fuhr. Danach lag der Platz wie sonst, an einem Sonntag, zu früher Stunde und bei Regenwetter, wieder verlassen da. Die Gruppe gehörte zum „Freundeskreis Buch und Kunst“, die zu einer sehr bemerkenswerten Reise aufbrach.

Einmal im Jahr veranstaltet der Freundeskreis eine einwöchige Reise, die unter einem bestimmten Thema steht. In diesem Jahr war das Thema: „Blaues Land und Blauer Reiter“.

Das „Blaue Land“ ist ein landschaftlich sehr reizvolles Gebiet südlich von München, das seinen Namen dem besonderen Licht, den in der Ferne  blau erscheinenden Bergen und seinen vielen Seen verdankt, in denen sich bei schönem Wetter der blaue Himmel spiegelt. 

Der „Blaue Reiter“ war eine Künstlervereinigung, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Erneuerung der Kunst auf die Fahnen geschrieben hatte. An den Akademien wurde ein traditioneller Malstil unterrichtet, der sich an der Historie orientierte und eine möglichst naturgetreue Abbildung der Natur anstrebte. Vielen jungen Malern genügte das nicht. Durch die Entwicklung der Fotografie hatte die Malerei einen Teil ihrer Berechtigung verloren. Die angehenden Künstler fanden, dass Malerei mehr sein müsse, als ein bloßes Abbild der Natur. Sie begannen neue Maltechniken zu erproben. Farbe wurde getupft oder gespachtelt, statt sie glatt und ordentlich aufzutragen. Farben wurden mit Eigenschaften assoziiert. Gelb stand für das Weibliche, Blau für das Geistige, Rot für das Erdverbundene. Man versuchte Töne und Klänge zu malen und  abstrahierte Motive bis zur Unkenntlichkeit. So entstanden beispielsweise Bilder mit blauen Pferden, gelben Kühen oder Portraits mit grünen Gesichtern.
Die etablierte Kunst reagierte zunächst natürlich mit Unverständnis und Ablehnung auf diese neue Entwicklung. Heute besitzen renommierte Museen auf der ganzen Welt Werke der Künstlergruppe des Blauen Reiters.

Die Reisegruppe machte sich also auf, um sowohl das „Blaue Land“ zu erkunden, als auch den Spuren des „Blauen Reiters“ zu folgen. Da ich auch zu dieser Reisegruppe gehörte, möchte ich im Weiteren in der Wir-form erzählen. Hermann Leyser (unser Beisitzer „Reisen“) hatte in monatelanger Arbeit ein interessantes Programm zusammengestellt, das im Folgenden vorgestellt werden soll.

Während der langen Fahrt zog sich der Regen immer mehr zurück und wir erreichten unser gemütliches Hotel in Königsdorf bei strahlendem Sonnenschein, wurden von der Chefin freundlich willkommen geheißen und bekamen unsere Zimmer zugewiesen. Bis zum Abendessen um 19.00 Uhr war noch ein wenig Zeit, die manche nutzten, um den idyllischen Ort mit seiner schönen Barockkirche zu erkunden. Ein leckeres Abendessen in fröhlicher Runde beendete den Tag.

Nach einem opulenten Frühstück am Montagmorgen, brachte uns der rote Bus nach Prien am Chiemsee. Strahlendes Wetter! Die Wiesen im schönsten Frühlingsgrün, getupft von Butterblumen, Löwenzahn und Wiesenschaumkraut, blühende Apfel-, Birn- und Pflaumenbäume, sowie Tulpen und Narzissen in den Gärten verzauberten uns. Von den „blauen Bergen“ grüßte von Zeit zu Zeit ein Schneefeld herüber. Das blaue Land machte seinem Namen alle Ehre. Von Prien aus gings mit dem Schiff zur Herreninsel. Herrenchiemsee, eine Miniaturausgabe des Schlosses von Versailles, wurde vom bayrischen König Ludwig II. (1878 – 1880) erbaut. In gewisser Weise machten wir hier also unseren Antrittsbesuch beim „Kini“, wie der Märchenkönig bei den Bayern genannt wird. Im Anschluss gings weiter mit der Fähre zur Fraueninsel, deren entspannende Atmosphäre und Ruhe uns nach all der Pracht gut tat. Auf dem Rückweg ins Hotel konnten wir aus dem Bus noch einige Blicke auf luxuriöse Anwesen von Reichen und Schönen werfen und kehrten angefüllt mit Eindrücken zu unserem leckeren Abendessen ins Hotel zurück.

Im Jahre 1909 kaufte Gabriele Münter, eine junge Malerin und späteres Mitglied des „blauen Reiters“, ein kleines Haus in Murnau, am Staffelsee und lebte dort mit Wassily Kandinsky. Dieses Haus, heute ein Museum, besuchten wir am 2. Tag. Es war nicht nur Lebens- und Arbeitsstätte dieser beiden Künstler, sondern bald auch Treffpunkt gleichgesinnter Malerfreunde wie Alexey v. Jawlensky, Marianne v. Werefkin, dem Ehepaar Macke u. a. die hier zusammen arbeiteten, diskutierten und sich in ihrer Kunst gegenseitig bereicherten und befruchteten. Die Erfindung der Tubenfarbe erlaubte erstmals ein Arbeiten in der freien Natur, was vorher kaum möglich war, da jeder Künstler seine Farben mühsam selbst herstellen musste. Im Schlossmuseum Murnau konnten wir nachmittags viele der Werke bewundern, die hier entstanden waren, was um so eindrucksvoller war, da wir diese Orte vorher gesehen hatten.

Eine Steigerung dieser Eindrücke erwartete uns am nächsten Tag im Lenbachhaus in München. Nachdem wir morgens einen Spaziergang,  wie durch eine Ansichtskartensammlung, in der Innenstadt von München unternommen hatten, waren wir nachmittags zu einer Führung im Lenbachhaus angemeldet. Die Führerin wusste uns Zusammenhänge zwischen den Bildern, der Landschaft und den Lebensumständen der Künstler in spannender, sehr kompetenter Weise nahe zu bringen.

Am Donnerstag stand wieder das blaue Land im Mittelpunkt. In Sindelsdorf folgten wir einem Teil des „Malerwegs“. Besonders anrührend war dabei die Gartenlaube in der 1911, während intensiver Diskussionen, der „Blaue Reiter“ von Franz Marc und Vasily Kandinsky gegründet wurde.

Eine spontane Entscheidung führte uns in die „Blaue Moschee“ in Penzberg, ein modernes, architektonisch interessantes Gebäude mit einem wunderschönen, in blaues Licht getauchten Gebetsraum, in dem uns die Leiterin Einblicke in ihre Arbeit vermittelte und sich unseren teilweise kritischen Fragen stellte. Unter anderem engagierte sie sich für den interreligiösen Dialog. 

Die Mittagspause hielten wir auf der Terrasse des Märzenhofs/Penzberg mit einem großartigen Ausblick ins Blaue Land.

Frisch gestärkt fuhren wir zum Wasserkraftwerk Walchensee. Hier wird das Wasser des nahen, aber 200 Meter höher gelegenen Walchensees durch Röhren über Turbinen in den Kochelsee abgeleitet und so völlig emissionsfrei elektrische Energie erzeugt. In einer beeindruckenden Ausstellung waren Geschichte, Funktionsweise, Einzugsbereich und Probleme durch den Klimawandel veranschaulicht. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts geplant, hatten die Ingenieure eine enorme Überzeugungsarbeit zu leisten. Mit den Mitteln der Zeit stellte der Bau eine große Herausforderung dar. Siebzehn Arbeiter verloren dabei ihr Leben. Als das Kraftwerk 1924 ans Netz ging, war es eines der ersten Kraftwerke dieser Art weltweit. Noch heute erzeugt es genügend Elektrizität, um den Großraum Augsburg und die bayrische Eisenbahn zu versorgen.

Der Freitag war dem Besuch der Abtei Benediktbeuren gewidmet. Heute ist die Abtei das Mutterhaus der Salesianer, die sich vor allem in der Jugendarbeit und Bildung engagieren und die auch im Antoniuskolleg Neunkirchen tätig waren.

Nach der Mittagspause im Klosterbräustüberl erwartete uns das Museum Campendonk. In einem architektonisch sehr interessanten Gebäude in Penzberg beeindruckten uns vor allem die leuchtenden Hinterglasbilder Heinrich Campendonks. Noch einmal wurde die Vielfältigkeit der Malstile der Künstler des Blauen Reiters deutlich. 

Der letzte Tag unseres Aufenthalts im Blauen Land brachte zugleich den Höhepunkt unserer Reise. Morgens besuchten wir das Museum Franz Marc, hoch über dem Kochelsee gelegen. Neben einigen der weltberühmt gewordenen Tierbilder konnten wir in den ausgestellten Werken die Entwicklung des Künstlers hin zu seinem unverkennbaren Stil beobachten.

Gegen Mittag ging es mit dem roten Bus über eine steile Passstraße mit vielen Haarnadelkurven hinauf zum Walchensee und dann mit der Kabinenbahn noch einmal hinauf auf 1730 Meter zum Gasthaus Herzogstand. Während der Mittagspause auf der Terrasse des Gasthofs lag uns bei strahlendem Wetter, mit einer Fernsicht wie sie besser nicht sein konnte, der gesamte Walchensee samt Umland zu Füßen. Es war wie der   Schlussakkord eines großen Orchesterwerks.

Am Sonntagmorgen, dem 26. 4. 2026, brachte uns der rote Bus zurück nach Neunkirchen. Am Horizont schienen die schneebedeckten Berge noch einmal zum  Abschied zu winken. Gegen 18.00 Uhr erreichten wir wieder den Busbahnhof Neunkirchen, angefüllt und reich beschenkt mit unvergesslichen Eindrücken und Erinnerungen an das „Blaue Land“ und die Künstler des „Blauen Reiters“.

Bericht: Hildegard Bertz
Bilder: Hermann Leyser

mit rotem Bus durchs Blaue Land…

hier schießt geballte Wasserkraft aus dem Walchensee herab in die Kraftwerksturbinen…

in der „blauen Moschee“ von Penzberg…

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